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Bericht von der Jahresversammlung 2019

Gedeihräume oder „Niquatschn, machn!“
Notizen von der TZI-Jahrestagung am 8./9. Februar 2019 in Erfurt

Von Peter Vogel

Die einen hatte der Ort gelockt: Das alte Augustinerkloster in Erfurt, in dem Luther seine ersten Jahre als Mönch verbrachte. Manche hatten hier vor Jahren allererste Aufbauarbeit mit „Aktion  Sühnezeichen“ geleistet oder in diesem Haus studiert. Anderen brannte das Thema auf den Nägeln: Was können wir mit TZI zur Demokratie in unserem Land beitragen? Bei Vielen hatten die Ereignisse von Chemnitz im letzten Sommer tiefe Spuren und Fragen hinterlassen. Und wohl alle waren gespannt, wer alles kommen würde und freuten sich, alte Bekannte und neue TZI-Leute zu treffen.

Keine dieser Erwartungen wurde enttäuscht. Dabei standen gerade einmal vier Arbeitseinheiten für das große Thema zur Verfügung: Wie hilft TZI zur Demokratie? Kann sie überhaupt  etwas beitragen? Ich war selber ziemlich skeptisch.  Was sich dann an Anregungen und Gesprächen ergab, wie wir Ideen entwickelten und unsere Ressourcen für Schritte auf Demokratie hin entdeckten, das war großartig! Elke Siebert und Frank Richter hatten die Leitung für den thematischen Teil der Jahrestagung. Sie lockten uns mit Schokolade, Humor und kreativen Methoden zum Nachdenken und zu nächsten Schritten. Mit ihren Themen und Strukturen öffneten sie tatsächlich „Gedeihräume“.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein tiefes Gespräch in einer kleinen Gruppe über drei Zitate: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Und: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Schließlich: „Wer sich den Gesetzen nicht fügen will, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten.“ (Wer hätte vermutet, dass wir dieses letzte Zitat Herrn Geheimrat von Goethe verdanken?) Diese drei Sätze spannten den Raum auf, in dem wir nach Demokratie in unserem Land fragten. Jeder dieser Sätze schien uns teil-richtig. Aber wie passen sie zueinander, welche Praxis decken sie und zu welchen Schritten sage ich dann Nein?

Spannend fand ich auch, die „Kernbestandteile der TZI“ im Hinblick auf demokratische Prozesse zu befragen, sie zu personalisieren und um Anregungen zu bitten: Jemand setzte sich in die Mitte mit einem Stichwort zur Demokratie, vielleicht „Vorurteil“. Nun konnte wer wollte zum Beispiel in die Rolle des WIR  schlüpfen und antworten, was das WIR dem Vorurteil zu bedenken gibt. Vielleicht sagt es: „Wo Menschen zusammen leben, reden, arbeiten, da sind Vorurteile unvermeidlich und oft hilfreich. Aber überprüfe sie immer wieder an der Realität.“ Und das 1. AXIOM pflichtet bei: „Jeder Mensch hat viele Facetten. Gib ihm die Chance, anders zu sein!“ Ebenso könnten das  STÖRUNGSPOSTULAT oder der GLOBE Erfahrungen beibringen. Und es zeigte sich in solch einem Konzert der Stimmen, dass unsere „TZI-Basics“ sehr wohl helfen, große Schlagworte  wie „Volk“, „Rechtsstaat“ oder „Würde“ – zu erden und in kleine konkrete Schritte umzuwandeln.  

Freilich, als das Stichwort „Terror“ genannt wurde, war lange nur Schweigen. Was kann die TZI dazu sagen, soll sie es zähmen? - Irgendwann gab jemand etwas in die Runde. Ich habe die Worte nicht wahrgenommen, suchte nach meiner eigenen Antwort. Und merke, dass es für mich bei Willkür- Gewalt eine rote Linie gibt, jenseits der ich nicht mehr tolerant sein will.

Zum Schluss am Sonnabend wurde es noch einmal ganz praktisch bei dem Thema: „Was mir lieb und wichtig ist: Mein Umfeld demokratisch gestalten.“ Jemand in der Gruppe hatte zum Beispiel als Anliegen: „Ich möchte mich bei Auseinandersetzungen mit anderen Meinungen nicht mehr so hinein steigern, mich nicht mehr in mein Gegenüber verbeißen“. - Nun könnten wir in der Runde grübeln und überlegen und gute Ratschläge erteilen. Nicht sehr anregend nach dem Mittagessen!

Deshalb empfahl die Methode: Stell das Problem auf den Kopf! Überlege, was du tun müsstest, um das Gegenteil deines Vorhabens zu erreichen. In diesem Fall also: „Ich möchte in Streitgesprächen aggressiv und wütend auftreten, mich emotional verbeißen und den Gegner fertig machen!“  - Nicht   eben ein christlicher Vorsatz, aber ein guter methodischer Kniff: Denn siehe, nun sammelten wir mit Lust Ideen, wie in einem Streitgespräch die Aggression zum Siedepunkt geführt werden kann: „Mache dir klar, dass der Gegner dumm und ungebildet ist und lass ihn dies auch wissen.“ „Sprich laut, unterbrich den Gegner und falle ihm ins Wort.“ „Unterstelle ihm, dass er nur streitet, weil er ein Problem mit Frauen hat!“ „Schaue dein Gegenüber nicht an, blicke zur Wand – er ist für dich Luft!“ „Wenn der andere spricht, blättere demonstrativ in deinen Unterlagen und signalisiere ihm, dass seine Meinung falsch und unwesentlich ist.“ Und so weiter. Immer mehr fiel uns ein. Offensichtlich ist es leichter, im Negativen kreativ zu sein!

Jetzt galt es, diesen „Schatz“ nutzbar zu machen, vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen: Ein bissiger Vorschlag nach dem anderen wurde nun abgeklopft.  Was bedeutet dies jetzt umgekehrt, ins Positive gewendet, für künftige Auseinandersetzungen? Und dann kamen Einsichten wie:  „Ich gehe in das Gespräch mit dem Wissen, dass der andere Lebenserfahrungen hat und von daher spricht. Ich kann ihn nach diesen Erfahrungen fragen.“ – „Ich lasse ihm Zeit, seine Meinung  zu formulieren.“ – „Ich mache ihn nicht klein mit unsachlichen Unterstellungen.“ – „Ich blicke ihn an und signalisiere, dass ich ihn schätze, auch wenn ich seine Meinung nicht teile.“ – Oder „Ich halte mich an den Grundsatz: Wann du Recht hast, muss ich nicht Unrecht haben.“ –

Es  ist erstaunlich, wie viele gute Ideen für ein möglichst konstruktives Gespräch auf diese Weise gefunden wurden. Wir sollten immer wieder einmal den Kopfstand üben!

So ganz praktisch schloss der thematische Teil der TZI-Jahrestagung „Demokratie versteht sich nicht von selbst. Was kann ich mithilfe der TZI zum demokratischen Leben und zu demokratischen Prozessen beitragen?“ Gegen meine anfängliche Skepsis nahm ich dazu eine Menge Anregungen mit. Und jemand steuerte eine Ermutigung auf Sächsisch bei: „Niquatschn, machn!“ Darüber hinaus habe ich die Begegnungen und Gespräche genossen, ebenso das Lachen und das gute Essen. Und wenn ich zurück denke, sehe ich uns in der großen Runde im Luther-Festsaal sitzen. Von den Wänden schauen aus dunklen Rahmen Martin Luther und Philipp Melanchthon auf unser Tun, beide durchaus Fachleute für lebendiges Lernen. Sie scheinen sehr interessiert und zufrieden.

Übrigens: Die nächste TZI-Jahrestagung wird vom 21. – 23. Februar 2020 voraussichtlich in Berlin stattfinden. Vormerken, es lohnt sich!

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