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Das Ganze leben - das ganze Leben. TZI-Tagung in Meißen

TZI-Tagung in Meißen

Gedanken zu einer TZI- Tagung jenseits der Ausbildung
von Peter Vogel

Wer nach TZI-Seminaren sucht, findet in der Regel Ausbildungsangebote. Da werden TZI-Themen mit TZI-Methodik erarbeitet, z.B. „Themen finden und formulieren“. Kaum zu finden sind jedoch politische, alltägliche, wissenschaftliche oder auch religiöse Angebote, an denen entlang TZI entdeckt und öffentlich dargestellt werden kann. Diesem Trend versuchen wir, mit öffentlichen thematischen TZI-Tagungen gegenzusteuern und TZI aus der Ausbildungs-Ecke ins Licht der öffentlichen Erwachsenenbildung zu holen.

Am letzten Oktober-Wochenende fand – wie nun schon seit ca. 20 Jahren alle zwei Jahre - eine solche Tagung in Meißen statt. Unser Kooperationspartner war die Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen. Für das Ruth Cohn Institut Berlin/Deutschland-Ost planten und leiteten Dr. Claudia König, Ulrike Renker, Jens G. Röhling und Peter Vogel.

Als Überschrift setzten wir ein Wortspiel: „Das Ganze leben. Das ganze Leben“. Und dazu ein Ausspruch von C.G. Jung „Ich möchte lieber ganz sein als gut.“ Ob daran schon zu ahnen ist, dass es um den „Schatten“ bei jedem Menschen, in Gruppen und in Nationen gehen würde, und wie wir diese „Schatten“ erkennen, ansehen, in das Leben hineinnehmen können? Leben in Ganzheit auch bei gebrochenen Biografien. Ein schwieriges Thema?

30 Personen hatten sich angemeldet, Menschen jeden Alters und nicht nur „Landeskinder“: Auch aus Hannover und Hamburg, Berlin und Freiburg oder Aachen waren sie angereist. An diesem Wochenende wurden die Uhren auf Winterzeit umgestellt. Zugleich waren mit dem 31. Oktober, dem Gedenktag der Reformation, noch viel tiefer greifende Umstellungen angesprochen, etwa das Verhältnis von Selbstliebe und Nächstenliebe in unserer Gesellschaft oder die Freiheit, anders zu leben, zu lieben oder zu glauben, wenn es dem eigenen Wesen entspricht.

Unsere Tagungsstruktur ist nicht spektakulär, wir haben sie in den letzten Jahren entwickelt und erprobt: Am Anreise-Abend wird das Thema „umspielt“. In unterschiedlichen Gruppen werden erste Zugänge entdeckt und Fragen geweckt. Diesmal zum Beispiel mit einer Aufstellung entlang einer Linie quer durch den Saal zwischen „Ich will lieber gut sein“ und „Ich will lieber ganz sein“ und den anschließenden Gesprächen. Oder bei der Aufforderung, einmal persönlich und geheim den Satz aufzuschreiben: „Es wäre mir peinlich, wenn die Leute hier von mir wüssten, dass ich…“ Das Zögern dabei ist wohl eine erste Ahnung vom „Schatten“, einer Seite in mir, die ich vielleicht nicht mag oder sehen will! Das Kennenlernen passiert bei wechselnden Gesprächsgruppen ganz von selbst.

Am nächsten Vormittag wird das Erlebte sortiert, vertieft und in größere Zusammenhänge gebracht. Auf unserer Tagung stellte Jens Röhling in einem Vortrag (siehe Anlagen unten), ebenso klug wie dialogisch, C.G. Jungs Theorie von der Persona und dem Schatten vor. Nicht als ferne Theorie, sondern als Möglichkeit, die er in seinem Thema formuliert hatte: „Sich mit sich selbst befreunden“ – Nach dieser wissenschaftlich-allgemeinen Darlegung führte Claudia König uns mit einem „Strukturierten Tiefen-Interview“, jeweils zu zweit, zu solcher Freundschaft: Mit der wiederholten Beantwortung von Fragen werden die beiden Interview-Partner in heilende Bilder und inneren Frieden geführt: Sie erleben, was es bewirkt, wenn sie sich diesem Frieden öffnen und ihr Leben mit liebevollen Augen anschauen.

Am Nachmittag sind die Interessen zur Weiterarbeit unterschiedlich. Deshalb konnten alle aus drei Werkstatt-Angeboten wählen: Ursula Vogel lud zu einer Malwerkstatt ein „Ich möchte lieber ganz sein als gut“ – für diejenigen, die erst einmal genug gehört und geredet hatten. Geheimnisvolle und traumhafte Bilder sind dort entstanden. Jens Röhling nahm die politische Dimension des Themas in den Blick: „Unsere Geschichte hat Licht und Schatten, bewirkt Scham und Stolz. Wie können wir beides verbinden?“ Auch hier ging es um Ganzheit, gegen die Tendenz, Vergangenheit und Gegenwart eindeutig zu machen und die Schatten zu verbannen. Peter Vogel lud zu einem Bibliodrama ein: Im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ begaben sich die Teilnehmenden hinein in die Gespräche des Vaters mit seinen beiden Söhnen und spürten dabei die Dramatik: Was passiert, wenn jemand mehr vom Leben verlangt, erwartet, fordert, eben das Ganze?

Der Film am Abend brachte das Thema noch einmal ganz anders ins Spiel. „The Danish Girl“ zeigt eindrücklich, was es bedeuten kann, das eigene Wesen, die eigene Persönlichkeit „ganz“ zu leben und einen geliebten Menschen leben zu lassen.

Am Sonntagvormittag gab es als alternative Anstöße für den Alltag: den Gottesdienst im Dom zum Reformationstag mit dem Landesbischof sowie zwei Themen, die sich die Teilnehmenden gewünscht hatten. Claudia König stellte dazu den „Lebensintegrationsprozess“ nach Wilfried Nelles vor. Unter dem Leitwort: „Einverstanden sein mit dem, was war“ ging es darum, das bisher Gelebte in Ganzheit wahrzunehmen und zu würdigen, was dadurch aus mir geworden ist. Eine andere Gruppe widmete sich mit Ulrike Renker und Jens Röhling der Bedeutung der Würde für ein Leben in Ganzheit. Zum Abschluss saßen noch einmal alle zusammen im Propsteisaal, angeregt und erfüllt von den vergangenen zwei Tagen – und mit vielfältigen Einsichten und Vorhaben für ein Leben in Ganzheit.

So sah unsere öffentliche Tagung mit TZI zum Kennenlernen aus. Wir hatten diesmal darauf verzichtet, am Sonntagvormittag noch eine Gruppe anzubieten unter dem Thema: „TZI – was ist das eigentlich und wie kam es in unserer Tagung vor?“ Ich rechne jedoch damit, dass es auch so wirkt, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer nachdenklich fragen, warum diese Tagung anders, lebendiger, als manche Fortbildung sonst verlief. Und ich möchte Lust machen, neben den notwendigen Ausbildungskursen auch öffentliche Tagungen zu „lebendigen Themen“ anzubieten.

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