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Zu wissen, dass wir zählen

TZI-Tagung im Oktober 2023 in Meißen

Matthias Müller berichtet von der Tagung:

Grundlage für das komplexe Thema war ein Gedicht von Ruth C. Cohn, das ich hier Intensitätswegen zitieren möchte:

Zu wissen, dass wir zählen
mit unserem Leben
mit unserem Lieben
gegen die Kälte
Für mich, für Dich, für unsere Welt

Gewissheit und Zuversicht, das ist der Kanon des Menschseins, den die Psychoanalytikerin Ruth C. Cohn als Gedicht hier in Worte zu kleiden vermochte.

Insgesamt waren circa vierzig Tagungsteilnehmer*innen der Einladung nach Meißen gefolgt. Beeindruckt vom Anblick der Meißner Stadtkulisse mit ihrer imposanten Burganlage und dem weithin sichtbaren Dom, bot uns der mittelalterliche Klosterhof Sankt Afra mit seinem Tagungshaus die atmosphärische Voraussetzung für das Gelingen unserer Tagung. Wir begannen sie mit einem gemeinsamen Abendessen und hatten dabei die Gelegenheit zu einem ersten Austausch und zum wechselseitigen Kennenlernen. Schon in den ersten persönlichen Gesprächen spürte ich, was Zählen heißt. Meine spätere Schlussfolgerung daraus war, es heißt nichts anderes als im Leben „wirksam (zu) sein“ und auch zu bleiben. Bei näherer und weiterer Betrachtung ist das insofern konsequent, als dass jeder Mensch in irgendeiner Weise wirksam ist, so mein Fazit. Nach der offiziellen Begrüßung, der eine spielerische Zählung aller Teilnehmer*innen vorausging, setzten die Organisator*innen sogleich die ersten Impulse und wir entfalten gemeinsam wirksam das Thema und gewannen die ersten Einsichten, die mich das Wochenende über begleiten sollten. Komplexe Fragen standen dabei im Raum. Wie beispielsweise die, welche Bedeutung das letzte Lebensjahrzehnt für einen hat, und was einem persönlich dabei Hoffnung und Halt geben kann. Ich sah die Bedeutung der Fragestellung darin, dass sie genau den Kern unseres Menschseins trifft, nicht nur derer, die im letzten Lebensjahrzehnt stehen. Es ist aus meiner Sicht eine viel komplexere Fragestellung, deren Antwort ich auch teilweise im Prinzip der Hoffnung finden konnte, dem großartigen Manifest von Ernst Bloch.

Eine weiterführende und wichtige Frage stand ebenfalls im Raum, nämlich die, in welcher Form betrifft dies meine persönliche Lebenssituation im Besonderen? Eine meiner gewonnenen Einsichten war das Erkennen einer manifesten Destruktivität in unserer Gesellschaft, die nur mittels konstruktiver Verzweiflung imstande ist, einen Lösungsansatz mit der eigenen Wirksamkeit zu finden. Das Nachdenken über die Fragen zum Sinn, dem Reich des Möglichen und dem Leben zwischen den Extremen zu widmen, das brachte uns Jens G. Röhling näher. Er spannte dabei einen Bogen von Hartmut Rosas Resonanzbegriff, zur Musik Johann Sebastian Bachs bis hin zu den humanistischen Gedanken des Dichters und Staatspräsidenten Vaclav Havel. Daneben hörte ich Worte, die mir schon aus einem anderen Kontext her bekannt waren, nämlich: der Anfang wird im Ende sichtbar. Eine Erkenntnis, die auch invers gedacht werden kann. So schloss sich auf besondere Weise der Kreis zur Bedeutung des letzten Lebensjahrzehnts, nein, es müsste hier zwingend heißen: des Lebens. Denn wir wissen nicht, wann das letzte Lebensjahrzehnt beginnt.

Die Sichtbarmachung des inneren Widerspruchs, einer Haltung, eines Seelenzustandes, das alles konnten wir auf Papier, auf der Bühne und im gemeinsamen Diskurs zum Ausdruck bringen. Dafür bin ich den Organisator*innen sehr dankbar.

Selbstvergewisserung und Humanität, das waren die beiden Worte, die mich nach Hause trugen.

 

Jens G. Röhling ergänzt aus der Sicht der Leitung:

Zu dem Bericht von Matthias Müller, in dem er eindrücklich den Ertrag dieser Tagung für sich beschreibt, möchte ich im Namen des Leitungsteams hinzufügen, was uns noch wichtig ist.

Wir haben über viele Jahre das Modell einer „Tagung“ entwickelt, die ein Drittes neben Seminar und Tagung sein sollte, sozusagen eine TZI-inspirierte Tagung. Darum haben wir gerade am Anfang Strukturen gesetzt, die vielfältige Begegnungen unter unterschiedlichen Aspekten des Themas ermöglichen sollten. Die Leitenden stellten sich vor, indem sie ihren Bezug zum Thema benannten. In kleinen Gruppen setzten wir uns mit Ruth Cohns Gedicht auseinander, das das Thema der Tagung abgegeben hatte; dann sammelten sich Gruppen um Bilder, die etwas mit Zählbarkeit zu tun hatten, und kamen ins Gespräch; ein „Soziogramm“ zum Thema „Wie nah oder fern ist mir 'Zuversicht'“ brachte die Teilnehmenden wieder anders zusammen. Ja, das war anstrengend und teilweise auch etwas atemlos.

Mein Vortrag am Samstag vormittag (eigentlich nicht TZI-gemäß, aber Element einer konventionellen Tagung) kreiste um die Begriffe: Hoffnung – Zuversicht – Sinn – gelingendes Leben – Grundvertrauen in das Leben - Wirken. (Er kann am Ende des Artikels heruntergeladen werden.) Er war unterbrochen durch Murmelgruppen und Pausen zur Selbstreflexion. Im zweiten Teil des Vormittags machte Claudia König den Unterschied zwischen Interessenbereich, Einflussbereich und Entscheidungsbereich erlebbar.

Dann gab es die Werkstätten am Samstag nachmittag, drei an der Zahl: in der einen wurde unter Leitung von Ulrike Renker das Märchen von Hans im Glück mit dramatischen Elementen bearbeitet unter dem Aspekt: Was macht wirklich zufrieden? Claudia König arbeitete mit einer Gruppe an persönlichen Themen, und Ursula Vogel leitete wieder eine Ausdrucksmalwerkstatt zum Thema. In der entstand z. B. dieses Bild.

Sonntag vormittag gab es wieder zwei parallele Gruppen. In der einen mit mir und Claudia König wurde an Hand des TZI-Systems daran gearbeitet, wie die Teilnehmenden ihre Wirksamkeit gut planen und durchführen können; und Peter Vogel führte die Mitglieder seiner Werkstatt mit körperlichen Übungen zu den Mitteln, mit denen sie wirken und wirken können.

Und schließlich war der Wunsch groß, noch etwas über TZI zu erfahren. Deshalb haben wir uns den Prozess der Tagung angeschaut und angemerkt, was für TZI typisch ist. Eine Blitzlicht zum Thema: „Wie fahre ich jetzt nach Hause? Wozu bin ich jetzt ermutigt“ schloss die TZI-inspirierte Tagung.

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